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Weiber!
Als Anna Lena Straube geboren wurde, hatten die Dinge ausgeatmet, die große Moderne, der Realismus, der Fortschrittsglaube.
Das Abendland hätte es gern, wenn eins nach dem anderen käme. Es deklarierte den Zustand als post ante, also zur Nachgeschichte und Nach-Moderne.
Bemerkenswerterweise kam niemand vorbei, um die umgelegten Weidezäune niederzurennen. Die Kunst wiederholte als Farce, was schon einmal tragisch gewesen war, Geschichte und Philosophie wurden in Kleinigkeiten großzügig, aber die neuen Entwürfe blieben schmallippig.
Anstatt die Belustigungen von Deleuze/ Guattari fortzusetzen oder die spielerischen Gesten des Dekonstruktivismus aufzunehmen, bekamen wir eine spießige Architektur (Dysfunktion führt immer zu Kitsch), die Kunst trieb die Sozialarbeit in die Flucht und die Literatur erfand den Historismus neu.
Aber natürlich gibt es überall das Gallische Dorf; der Weg zur Oase führt durch die Wüste: Anna Lena Straube hat vom Realismus(begriff) der siebziger Jahre alles gelernt, was dieser hinter sich gelassen hat, vor allem aber begriffliche und ideologische Weidezäune.
Straube nennt die jüngste Entwicklung ihrer Arbeit „Feminine Strukturen“; ein Hilfsbegriff für eine Arbeits(weise), die die Begriffe am wenigsten braucht.
Bereits die Zickenbrigaden aus den Nullerjahren hat niemand so überzeugend verraten. (Doch, Kunst ist immer auch Verrat, aber eben nie nur.) Während in Straubes Malerei die Figur bis etwa 2006 in eine 1:1 Interaktion mit dem Betrachter tritt, entstehen seitdem Räume in denen die Figur in mehreren Dimensionen und Bezügen agiert. In den Tauchbildern von 06 erleben wir noch eine Einheit von Ort, Zeit, handelnden Figuren und einer ‚semantischen Wolke‘, die jüngsten Bilder finden in einer Explosion - nicht nur - des Raum-Zeit-Gefüges statt. Die Figuren bilden das Zentrum semantischer Supernovae, gleichzeitig entstehen aus ihrer Mitte heraus farbige Strukturen, die aus der Geschichte der Abstraktion stammen, auf die konkrete Malerei weisen und während sie in die Erscheinungsform der Gestalt eingebunden sind, über sie hinaus zielen. In „Elena“ schlängeln sich flammenartige Strukturen aus den Röcken heraus – auch – um die Füße der Zentralfigur in die Landschaft und dem Betrachter entgegen, die Mitte der Figur löst sich nicht etwa in Farbmuster auf, sondern wird von ihnen zusammengehalten. Die in die Zentralperspektive eingebettete Figur schwebt darüber, wächst aber auch aus ihr heraus, die Landschaft scheint auf der Luft zu schweben. Wo in der Kulturgeschichte vermittels etwa der Hl. Familie nebst einschlägiger Protagonisten Können, Denken und Wagnis hergezeigt und ausgestellt wird, erwähnt Straube das setting und präsentiert die eigene Agenda: Fülle, Vielfalt, Neugier und Traute. Hier und in sämtlichen neuen Bildern zeigt sie einen sinnlichen Humor, der nicht auf die einmalige Pointe zielt, sondern diese einbindet und nachhallt.
Die Erzählweisen von comics existieren friedlich neben der Perspektive in die komplette Kunstgeschichte: Busch und Barks, der Schwung von Dürer und Zille, Lichtenstein und Oldenburg, wie alle außergewöhnlich gestaltbegabten hat Straube ein Leben lang von der gelungenen Abbildung weggemalt, der altmeisterliche Gestus täuscht. In der nahen Betrachtung sieht man den schnellen und genauen aber nichtpedantischen Strich.
Der Entwurf in Acryl wird immer angereichert durch ein späteres Aufbrechen der Gestalt in Öl, als sei sie erst vollständig, wenn sie nicht mehr „heil“ erscheint. Als gelte es, Hegels Zurechtsetzung der Begriffe „konkret“ und „abstrakt“ zur Farbe zu führen: konkret, meint Hegel, sei die Sache erst, mit einem Begriff davon, abstrakt bleibe, wo dies fehlt.
Die Reverenz an Geschichte und Kontext verstehe ich gerne als ein höfliches à Dieu.
Sabine Techel, Autorin, Berlin
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